Ich durfte einen Artikel zur Bedeutung des Schweizer Sprachmodells Apertus in der NZZ publizieren (hier das Original: Wissen ist Souveränität). In der Folge der Originaltext vor der (leichten) Vereinfachung.
Künstliche Intelligenz begleitet uns im Alltag. Wir benutzen sie, bewusst wie auch unbewusst, jeden Tag und sind dabei abhängig von den Anbietern der Systeme, die fast ausschliesslich im Ausland angesiedelt sind. Doch wer weder die Methoden der künstlichen Intelligenz beherrscht noch über die nötige Infrastruktur verfügt, wird von jenen abhängig, die es tun. Das aktuelle Kräftemessen zwischen den USA und China zeigt das in aller Schärfe. Doch was muss die Schweiz tun, um bei KI souverän zu sein?
Wer einkauft, gestaltet nicht mit
Die Schweiz kauft heute die KI-Fähigkeiten ein. Doch wer einkauft, ist Kunde und gestaltet nicht mit. Wer einkauft, kann Risiken nicht bewerten, kann keine Standards setzen und ist auf fremde Lieferketten und Wertesysteme angewiesen. Der letzte Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit, denn kulturelle und sprachliche Besonderheiten, aber auch ethische Werte und Normen sind Teil eines KI-Systems. Digitale Souveränität eines Staates oder einer Organisation setzt die Fähigkeit voraus, technologische Komponenten und Systeme eigenständig zu entwickeln, zu verändern, zu kontrollieren und durch andere Komponenten zu ergänzen.
Um als Staat KI zu beherrschen, gilt es laut Marcel Salathé, Professor an der EPFL, fünf Dimensionen zu meistern: Strom/Energie, Rechenkapazität, Daten, Talente und Umsetzungskraft. In vier von fünf dieser Dimensionen ist die Schweiz nach seiner Einschätzung schwach. Bei den Talenten aber sind wir weltweit ganz vorne mit dabei, wie auch der AI Index Report 2026 der Stanford University belegt. Zudem beweist das vollständig in der Schweiz entwickelte Sprachmodell Apertus, dass wir mit fokussierter Koordination vorhandener Stärken ein KI-Modell auch eigenständig umsetzen können. Genau dort liegt der Hebel.
Wie Apertus entstand
Apertus war nur möglich dank einer technischen Infrastruktur, eines strategisch durchdachten Umsetzungsplans und eines Teams talentierter Forscherinnen und Forscher. Thomas Schulthess, der langjährige Leiter des Centro svizzero di calcolo scientifico (CSCS) in Lugano, bestellte die Erweiterung des Supercomputers Alps auf über 10’000 Nvidia-Grace-Hopper-Chips bereits vor dem Erscheinen von ChatGPT. Damit verfügte das Projekt über eine Infrastruktur, die Ende 2024 auf Platz 7 der weltweiten TOP500 Rangliste an Rechenleistung rangierte. Zu diesem Zeitpunkt bestand bereits der umfassende Umsetzungsplan zur Herstellung von Apertus, einschliesslich einer über vier Jahre angelegten Anschubfinanzierung: 10 Millionen GPU-Rechenstunden auf Alps, ein Forschungsbeitrag des ETH-Rats von 20 Millionen Franken und eine strategische Partnerschaft mit der Swisscom. Und es gab ein Team von Forscherinnen und Forschern aus zehn Schweizer Organisationen, das die erste Version unter der Leitung der beiden technischen Hochschulen EPFL und ETH Zürich innert Jahresfrist erfolgreich veröffentlichte.
Der eigentliche Wert liegt im Wissen
Deshalb verfügen wir in der Schweiz nun über ein leistungsfähiges KI-Modell, bei dem alle Arbeitsschritte zur Herstellung in der Schweiz erfolgten: die Aufbereitung der Trainingsdaten, die Entwicklung der Trainingsmethodik, die Durchführung des Trainings, das Fine-Tuning und die Evaluation. Die technischen Merkmale von Apertus sind beachtlich: seine gemessene Leistungsfähigkeit und die ausgeprägte Mehrsprachigkeit. Zudem ist Apertus eines der wenigen Modelle weltweit, das sich in Europa rechtssicher einsetzen lässt. So berücksichtigt das Projekt sowohl urheberrechtliche Fragestellungen als auch die Anforderungen des EU AI Acts. Dies im Gegensatz zu den am häufigsten genutzten Modellen, welche ihre Datenquellen nicht offenlegen.
Der wichtigste Punkt ist jedoch der Wert des erarbeiteten Wissens, um in einer Schlüsseltechnologie souverän zu sein. Apertus ist ein technisch glaubwürdiger Beleg dafür, dass die Schweiz sowohl die Methoden wie auch die praktische Umsetzung von KI-Modellen beherrscht. Dabei geht es nicht darum, ein Schweizer ChatGPT zu bauen. Es geht darum, die Fähigkeit zu entwickeln, die Technologie zu verstehen, zu bewerten und mitzugestalten. So wird die Schweiz zum Anziehungspunkt für Talente und zur attraktiven Verhandlungspartnerin, die ihre eigenen Stärken einbringen kann. Nur so behält sie die Handlungsfähigkeit in einer Domäne, die unsere Zukunft schon heute prägt.
Drei Adressaten, ein Auftrag
Doch wir stehen am Anfang, und KI-Modelle haben kurze Halbwertszeiten. Die Infrastruktur am CSCS veraltet schnell, und auch die gesprochene Finanzierung ist nur ein Bruchteil der Mittel anderer Initiativen. Apertus ist ein erster Schritt. Damit weitere folgen können, sind Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gefordert.
Die Wirtschaft muss in souveräne Systeme investieren – nicht aus Sympathie, sondern aus strategischen Überlegungen. Die Politik muss die Anschubfinanzierung in eine dauerhafte Infrastrukturzusage überführen; eine Schlüsseltechnologie verträgt keine Vierjahresbudgets. Die Hochschulen müssen das in Apertus erarbeitete Wissen in ein Ökosystem mit internationalen Kooperationen einbringen und dafür die nötigen Ressourcen einsetzen.
Die Frage ist nicht, ob die Schweiz ein eigenes Sprachmodell braucht. Die Frage ist, ob sie sich leisten kann, die Methodik hinter der wichtigsten Technologie des 21. Jahrhunderts nicht zu beherrschen. Apertus gibt eine erste Antwort. Wie es damit weitergeht, hat die Schweiz nun in der Hand.
Das Schweizer Sprachmodell Apertus
Apertus ist eine Familie von sogenannten Large Language Models, also den Kernkomponenten generativer KI-Systeme. Die Modelle wurden im Rahmen der Swiss AI Initiative in enger Zusammenarbeit zwischen der EPFL, der ETH Zürich und dem Centro svizzero di calcolo scientifico (CSCS) entwickelt. Die erste Version wurde im September 2025 veröffentlicht und wies zu diesem Zeitpunkt eine eindrückliche Leistungsfähigkeit auf dem Niveau des im Jahr zuvor erschienenen Llama 3.1 von Meta auf.
