In einer Brownbag-Session des HSG Alumni-Clubs durfte ich über ein Thema sprechen, das gerade viele Firmen beschäftigt: Wie souverän sind wir im Umgang mit KI eigentlich wirklich? Oder wie ich es formuliert habe: If you aren’t at the table, you’re on the menu.
Zum Einstieg habe ich mit den folgenden Aussagen die Grundlage für eine sehr aktive Diskussion gelegt:
Modell ist nicht gleich System. Ein KI-Modell ist letztlich nur ein Vektorraum als Datei, die ich herunterladen und installieren kann. Was wir aber nutzen, sind KI-Systeme wie ChatGPT, die viel mehr tun: Sie rufen externe Tools auf, fragen Datenbanken ab, führen Programmcode aus, orchestrieren. Mein liebstes Bild dafür: Motor versus Auto. Der Motor ist wichtig und teuer – aber fahren kann ich damit noch lange nicht.

In jedem Modell steckt ein Wertesystem. Wer verstehen will, worum es bei Souveränität geht, muss verstehen, wie ein Sprachmodell entsteht. So trainiert man beim Alignment, wie sich das Model es sich in Bezug auf Werte verhalten soll. Ein chinesisches Modell antwortet auf gewisse Fragen anders als ein amerikanisches. Das heisst konkret: Je nachdem, welches Modell ich in meiner Arbeit einsetze, übernehme ich auch dessen Werte.

Souveränität hat mindestens drei Ebenen. Erstens die Daten – wo werden sie verarbeitet und gespeichert? Zweitens das Wissen – verstehe ich überhaupt, was da geschieht? Drittens der Betrieb – kontrolliere ich den Betrieb resp. den Zugang zur Nutzung? Wer es genauer haben will, dem empfehle ich die SAIL Bewertung von Public AI.

Die nachfolgende Diskussion war sehr intensiv und man war sich rasch einig, dass die ehrliche Antwort auf die Titelfrage lautet: Wir sind extrem abhängig. Nicht nur die Schweiz als Land, sondern jede einzelne Firma. Oft fehlt schlicht das Verständnis, man nimmt was schon in der Lizenz ist, oder man überlässt es der IT.
Ein möglicher Ausweg ist Pragmatismus und Allianzen. Die Schweiz allein kriegt das nicht gebacken, das muss man so deutlich sagen. Es braucht europäische Zusammenschlüsse bei Rechenleistung und Daten – unseren beiden Achillesfersen – und es braucht Open Innovation, bei der auch Konkurrenten zusammenspannen. Das grösste Hindernis ist dabei nicht die Technik, sondern die Politik: Bei uns arbeiten ja nicht einmal die Kantone richtig zusammen. Gleichzeitig gilt: In den allermeisten Fällen brauchen Unternehmen die grossen Frontier-Modelle gar nicht. Ein spezialisiertes, kleineres Modell, eingebettet in ein gutes System (heute auch: Harness genannt), ist für den konkreten Anwendungsfall oft die klügere Wahl.
Trotz aller Abhängigkeiten bin und bleibe ich Optimist und vor allem finde ich auch das Apertus-Projekt einen sehr wertvoller Beitrag in Bezug auf Wissen. Ich bin ein Kind der Digitalisierung und erkenne die Muster: Dynamik heisst immer auch Chance. Diese Zeiten sind grossartig – wir müssen sie nur nutzen. Wer tiefer eintauchen will: An der Swiss AI Week (1. September bis 4. Oktober) gibt es über 200 Anlässe und diverse Hackathons rund um vertrauenswürdige und ethische KI. Man sieht sich.
Danke an den HSG Alumni-Club für die Einladung und an alle, die mit ihren Fragen die Runde so bereichert haben – das Wissen im Publikum war, wie so oft, definitiv viel grösser als das des Referenten.
