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China nach zwei Tagen

C

Das erste Mal in meinem Leben in China. Mein spontaner, subjektiver Eindruck nach einem Tag Bejing (Verbotene Stadt und 789 Art District), einem Tag Firmenbesuch (Baidu, 7Fresh und Meituan) und zwei Vorträgen (Matthew Brennan und Rui Zhang). Das Offensichtliche zu China, so wie die eindrückliche Grösse des Marktes, lasse ich mal weg. Also zu den folgenden Themen:
– Desktop und Kreditkarte übersprungen
– Gesichtserkennung ist das neue Passwort
– Die Superapps
– Risikobereitschaft und Arbeitseinstellung
– Einstellung zu persönlichen Daten

Desktop und Kreditkarte übersprungen

Der westliche Zugang zu Online über «Computer» und der Bezahlung mit Kreditkarte oder gegen Rechnung/Bankeinzug gab es für den Milliardenmarkt China nie. Das erste (und einzige) Gerät war das mobile Telefon und damals, vor rund 5 Jahren als das Wachstum begann, gab es dort schon ein Zahlungssystem. Darüber könnte ich lange schreiben und da meist ein chinesisches Bankkonto angebunden wird, ist es niemandem in einer Gruppe von über 30 Schweizern gelungen, irgendeinen lokalen Dienst zu aktivieren. Wir sind Randgruppe.
Bezahlt wird mobil und zwar egal was. Es werden unterschiedliche Zahlen genannt (67% aller Zahlungen in Geschäften seien ab dem Handy), doch wer mit offenen Augen durch die Welt geht, erkennt diese Realität. Interessant, dass die Verbreitung bei kleinen Händlern auf der Strasse begonnen hat und zwar in der Form von P2P-Zahlungen, beispielsweise für Street Food. Schnittstelle sind QR-Codes (die auch Bettler je in der Version von WeChat Pay und Alipay vorweisen) und obschon iOS geschätzt 20% der Smartphones ausmache, sagt eine der Statistiken: Apple Pay 0%.
Payment in China
Und auch sonst ist alles Mobile und zwar egal was. Keine Firma würde auf die Idee kommen, ihre Leistung für Desktop anzubieten (das Wort scheint mir grad schon sehr sperrig), denn dort hat es keine User. Alles ist mobil. mobil und mobil. ALLES.
Ein Artefakt davon ist auch die Unwichtigkeit von E-Mail, welches geschätzt 20% der elektronischen Kommunikation ausmache. Der Rest ist Chat, auch im geschäftlichen Verkehr und es sei durchaus üblich, dass sich der Chef um Mitternacht auf WeChat melde…

Gesichtserkennung ist das neue Passwort

Ein Detail, für mich aber sehr auffällig. Gesichtserkennung im öffentlichen Raum ist «ganz normal». So auch für die Bezahlung beispielsweise am Self Checkout im Supermarkt oder für den Fast Food bei Kentucky Fried Chicken. Aber auch als Zutrittskontrolle zu Gebäuden, beispielsweise am Hauptsitz von Baidu oder bei der Passkontrolle am Flughafen. Ohne PIN, Passwort oder sonst was und technisch relativ simpel mit kostengünstigen Stereokameras.
Checkout mit Gesichtserkennung

Die Superapps

Ein Begriff, der immer wieder auftaucht und nicht so einfach zu erklären ist. In China gibt eine handvoll Apps die «alles können», ein prominentes Beispiel dafür ist WeChat. Wir sind uns pro Thema ein App gewohnt: Einen für Karte, eine für Taxi, eine für Bezahlung, eine für Zutritt, eine für Chat… Nicht so in China, so ist WeChat ein Container in dem alles läuft, was ich mir auf dem Handy und in meinem Leben vorstellen kann: Eben, eine Superapp (Artikel: «How WeChat became China’s everyday mobile app«).

Risikobereitschaft und Arbeitseinstellung

Die Unternehmen geben Vollgas und so auch deren Mitarbeiter. So habe ich bei Meituan nach Mitarbeiterfluktuation gefragt. Die erste Antwort war ein Jahr. Die folgende Person korrigierte dann auf zwei Jahre Verbleib in derselben Firma, was nach deren Aussage normal sei für China. Und Arbeitszeit? 9/9/6. Von 9am bis 9pm an 6 Tagen die Woche, doch die meisten arbeiten mehr. Aha.
Höre ich dann Firmengeschichten, so passt das Bild zusammen. Erinnert mich unweigerlich an «Hundejahre». (Wieder) Meituan in a Nutshell: Vor 8 Jahren als Clone von Tripadvisor für Restaurantbewertungen gegründet. Dann Food Delivery (heute über 20 Mio. Malzeiten pro Tag) aber gleich auch ERP für Restaurants, Kredite für Restaurantbetreiber (man kennt ja den Geldfluss), Delivery aus Supermärkten zu Restaurants oder zu Privaten, Fahrradverleih, selbstfahrende Fahrzeuge, Drohnen etc. Und in diesem Jahr Börsengang mit einer Börsenkapitalisierung von über USD 4 Milliarden. Nach acht Jahren!

Einstellung zu persönlichen Daten

Alle Firmen erzählen uns stolz, wie sie Userdaten aggregieren um daraus Aktionen abzuleiten. Und zwar in einem Detailgrad, in dem es uns leicht schwindlig wird, so beispielsweise bei Baidu. «We know what products you are interested in, where you work and where you live, where you stay at night, what education level you have, what income class…»
Oder am Flughafen bei der Ankunft. Vor der Passkontrolle muss ich all meine Fingerabdrücke registrieren. Diese werden später geprüft und mit Passnummer und der Biometrie meines Gesichts korreliert. Beim Geldwechsel werden die Seriennummern der mir ausgehändigten Scheine mit meiner Passnummer korreliert… «for your own safety».
Die Leute, die ich darauf angesprochen haben, verstehens den Grund meiner Frage kaum. Man erweise damit der Gemeinschaft einen Dienst und solange ich mich gut verhalte, so sei es doch nützlich… Ich enthalte mich eines weiteren Kommentars und verweise nochmals auf meinen leichten Schwindel.

Was heisst das für uns?

Zu allererst Respekt vor der Leistung von China! Wer sich bei uns in bequemer Sicherheit wähnt, dem würde ich empfehlen, Augen und Ohren zu öffnen.
Gleichzeitig sind viele der Erfolgsrezepte bei uns kulturell nicht anwendbar, so haben wir keine «Red Envelopes» (nette Geschichte von WeChat Pay) und auch nicht den Umgang mit personenbezogenen Daten und Biometrie.
Kommen werden aber mehr und anspruchsvollere digitaler Prozesse, mehr Mobile und ich wünsche mir jeden Tag mehr Speed und mehr Freude am Experiment bei uns.
Später mehr, ich bin grad auf dem Weg nach Shanghai.
Zug Bejing Shangai

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Von Jürg Stuker
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