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Don’t scale stupid

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Als die Welt noch von Digitaler Transformation sprach, war die folgende Aussage unser Mantra:

Wenn Sie einen Scheissprozess digitalisieren, dann haben Sie einen digitalen Scheissprozess.

KI hat diese Aussage erneut verschärft. Gewisse Prozessschritte sind obsolet und ergeben keinen Sinn mehr. Nicht nur die Entscheidungsfindung hat sich verändert, sondern auch die Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Kommunikationskanäle und -protokolle haben sich verändert, und Transaktionen von KI-Agent zu KI-Agent sind Realität.

Die Aufgabe ist somit das Überdenken der historisch gewachsenen Prozesse und nicht deren Automatisierung. Oder, wenn es wieder in einen Slogan passen soll: “Don’t scale stupid”.

Der folgende Text handelt von zu langen Dokumenten, der Neugestaltung der falschen Prozesse und davon, wie gefährlich “funktionierende” Innovations-Instrumente sind.

Der Brandstifter als Gast

In einem Artikel schildert Patrick Stähler die Risiken firmeninterner Acceleratoren, Innovation Labs und Venture-Clienting-Anstrengungen. Der Vergleich mit «Biedermann und die Brandstifter» von Max Frisch drängt sich auf: Jeder einzelne Schritt macht losgelöst Sinn und erfüllt ein lokales Ziel. Doch alle sehen den katastrophalen Ausgang der Summe der Schritte sehenden Auges voraus.

Was läuft schief? So wie von Clayton Christensen in The Innovator’s Dilemma beschrieben, orientieren sich die Massnahmen an bestehenden Kunden, dem angestammten Markt und dem bewährten Geschäftsmodell. Dabei wird vergessen, dass KI vieles davon bereits in Frage gestellt hat.

Was ich gestern noch verkaufen konnte, generiert mein Kunde mit Hilfe von KI nun selbst: Insourcing. Der Markt bestand nur, da Informationsprozesse komplex und intransparent waren ‒ KI macht diese aber heute beherrschbar für alle. Oder ein Geschäftsmodell basierte auf dem Aneinanderreihen einfacher kognitiver Tätigkeiten, die heutzutage ein KI-Agent selbständig erledigen kann. Die Werthaltigkeit vieler Daten-Dienstleistungen steht heute massiv unter Druck.

Zurück zu den Innovations-Instrumenten. Zu häufig denken Firmen in vertrauten Dimensionen und verdrängen die Tatsache, dass das bestehende Geschäftsmodell bald nicht mehr existiert. Sie setzen Innovations-Ziele so, dass sie sich damit auf die Vergangenheit vorbereiten. Alle Lampen sind grün, die Messwerte sind aber falsch. Die Firmen geben den Brandstiftern Zugang über den Haupteingang und reichen ihnen die Streichhölzer.

Strategie-Slop

Ein Beispiel, welches allen vertraut vorkommt: zu lange, wohlklingende Konzepte mit unklarem Gehalt und Wert. Das Paper Some Simple Economics of AGI legt dar, dass nicht die Erstellung von Text die Herausforderung geworden ist, sondern die Kosten der Überprüfung. Der Denkfehler ist die Annahme, dass “...cheap machine output translates directly into realized value”.

Viele Leute erliegen der Versuchung, das, was gestern Wert hatte, heute mit KI zu automatisieren. Beispielsweise Konzepte. Was dabei vergessen geht, ist, dass die Erstellung von Text ein Denkprozess ist und dass die Interaktion mit Arbeitskolleg:innen sowohl Erkenntnisse wie auch Koordination erzeugt. In dem Fall wird nicht einmal ein funktionierender Prozess skaliert, sondern einer, dessen Werttreiber nicht verstanden sind.

Als Beispiel nehme ich gerne den Prozess der Software-Erstellung, den Fred Brooks in seinem 1975 erschienenen Buch “The Mythical Man-Month: Essays on Software Engineering” wie folgt aufgeschlüsselt hat:

  • 1/3 Planung und Anforderungsanalyse
  • 1/6 Codierung (Coding/Implementation)
  • 1/4 Komponententests und frühe Systemtests
  • 1/4 Systemtest der fertigen Komponenten

Natürlich haben sich die Anteile über Zeit leicht verschoben, doch in der Tendenz kann die KI nur den Schritt der Codierung selbständig erledigen. Beim Rest unterstützt die KI nur, und der Mensch als Auftraggeber ist sowohl Engpass wie auch rechtlich für das Ergebnis verantwortlich. Dasselbe gilt auch für die zuvor genannten Konzepte.

Business Process Reengineering

Geschäftsprozesses (und auch Geschäftsmodell und Organisation) gehören grundsätzlich überdacht. Die Arbeit “What will our economic future look like?” von Anthropic soll der Illustration dienen. In einem ersten Schritt die Erkenntnis, dass sich Geschäftsprozesse auch ohne Technologie über Zeit verändern. Hier am Beispiel der Krankenpflege.

Quelle: www.anthropic.com/institute/econ-scenarios

Der technologische Wandel verstärkt diesen Prozess indem weitere Schritte wegfallen weil sich nicht mehr benötigt werden, möglicherweise aber auch neue dazu kommen, die erst dank der Technologie möglich sind. Weiter geht es im den Artikel um den Zeitbedarf und damit um die Notwendigkeit einer grundlegenderen Überarbeitung.

Quelle: https://www.anthropic.com/institute/econ-scenarios

Diese schrittweise Entwicklung setzt aber immer voraus, dass die erbrachte Leistung auch nachgefragt wird. Und zu welchem Preis? Die Anzahl der Dimensionen, die sich gerade verändern, ist gross. Und damit auch die Anforderungen an Firmen, sich anzupassen und sich teilweise neu zu denken.

Ausblick

Es gilt, Geschäftsmodell und Prozesse neu zu denken. Dabei geht es aber eigentlich “nur” um Kundenfokus. Solange Menschen die Endkunden sind, definieren wir, welche Leistungen wir konsumieren resp. kaufen wollen und wie. Oder mit anderen Worten: Welche Prozessschritte überleben, entscheidet sich daran, wofür Kunden noch zahlen.

Firmen, die vergessen haben, wie man Kunden glücklich macht, stehen schwierige Zeiten bevor. Für die anderen ist die Anpassung zwar anspruchsvoll, gleichzeitig aber mit neuen Chancen verbunden. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch Leistungen ohne KI eine steigende Nachfrage geniessen werden.

Von Jürg Stuker
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